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Interview Christian Hoffmann

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe Oktober 2015

Christian Hoffmann ist Programmierer und Entwickler der Software „Mathemakustik“. Mit dieser Software schult man das Kopfrechnen und lernt über das Hören.

Herr Hoffmann, Sie sind Softwareentwickler, was programmieren Sie sonst?

Tatsächlich war ich die letzten Jahre nur nebenberuflich als Softwareentwickler tätig. Ich habe mich dann erst in den letzten Jahren entschieden, das Entwickeln von Apps und Desktopanwendungen zum Schwerpunkt meines beruflichen Alltags zu machen. Des Weiteren habe ich einige kleine Tools, wie etwa ein Konvertierungs-programm für eine Banking-Software, geschrieben. Und als meine Frau mit unserem Sohn schwanger war, habe ich aus Spaß eine kleine Countdown-App für das iPhone programmiert. Aber auch ein paar kleine Spiele für Smartphones und Tablets sind Teil meines Portfolios, etwa eine Auftragsarbeit für einen Metalldetektor-Hersteller oder ein Zombie- Rätselspiel namens „Remember the Dead“. Ich finde, diese Projekte zeigen sehr schön, dass man als Programmierer viel mehr machen kann, als nur dröge Dialoge und vermeintlich nüchterne Anwendungsprogramme zu schreiben.

Wie viel Mathematik braucht man überhaupt zum Programmieren? Programmieren und eine 6 in Mathe, geht das?

Das sind zwei gute Fragen. Auf letztere würde ich erstmal ganz spontan mit „Ja“ antworten. Logisch geht das! Eine Sechs in Mathe muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass man –ich formuliere das jetzt mal absichtlich so provokativ- „doof“ ist; ich denke, es bedeutet nicht mal zwangsläufig, dass man schlecht in Mathe ist; und es bedeutet erst recht nicht, dass man wegen dieser einen schlechten Note für immer schlecht in Mathe bleibt! Bestimmte Interessen, Fähigkeiten und Neigungen erkennt man vielleicht erst etwas später im Leben und das ist doch auch okay.

Ich denke aber trotzdem, dass man zum Programmieren -unabhängig von irgendwelchen Schulnoten- eine Affinität zum logischen Denken braucht! Gut in Mathe zu sein ist dafür sicherlich ein guter Ausgangspunkt, zumal sich viele Aufgaben in der Softwareentwicklung ja nur durch die Entwicklung und anschließende Implementierung mathematischer Modelle lösen lassen.

Wie gefiel Ihnen das Unterrichtsfach Mathe in der Schule? Und wie Musik?

Tatsächlich haben mich naturwissenschaftliche Fächer immer mehr interessiert als Musik oder Philosophie. Im Kunstunterricht zum Beispiel war ich nie wirklich gut. Ich bin ja schon hochzufrieden, wenn mir unfallfrei ein Strichmännchen gelingt :-) Musik hingegen habe ich immer gern gehört und spiele auch selbst Gitarre, Keyboard und Schlagzeug (wenngleich ich zugeben muss, dass ich bei allen dreien sehr aus der Übung bin). Dennoch: Der oftmals sehr theoretische Umgang mit Musik in der Schule gehörte nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. 

Das erklärt dann sicher auch, warum ich Mathematik und Physik als Leistungskurse gewählt habe.

Wie kamen Sie auf die Idee gerade für das Kopfrechnen eine Software zu programmieren?

Nachdem ich vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika meinen privaten Pilotenschein gemacht habe, habe ich mich eine Zeitlang intensiv mit der Vorbereitung auf den Einstellungstest für Piloten bei der Lufthansa beschäftigt. 

Dabei durchlaufen die Bewerber auch einen Test im Kopfrechnen. Die Besonderheit an diesem zunächst unspektakulär klingenden Test besteht nun darin, dass man die zu lösenden Kopfrechenaufgaben nicht in geschriebener Form vor sich sieht, sondern ausschließlich über Kopfhörer vorgelesen bekommt; und das auch nur ein einziges Mal. Das bedeutet also, dass man die Kopfrechenaufgaben nicht nur berechnen muss, sondern außerdem die ganze Zeit über auch noch die Aufgabenstellung und die Zwischenergebnisse im Hinterkopf behalten muss. Kopfrechenaufgaben auf diese Art zu lösen ist tatsächlich etwas ganz anderes und meiner Erfahrung nach deutlich schwieriger, als wenn man die Aufgabe die ganze Zeit vor sich sieht. 

Da es zum damaligen Zeitpunkt noch kein Trainingsprogramm für genau diese spezielle Herausforderung gab, das meinen Bedürfnissen genügte, habe ich kurzerhand einfach selbst eines entwickelt.

Beschreiben Sie doch bitte, wie „Mathemakustik“ funktioniert.

Mathemakustik ist so aufgebaut, dass der Anwender sich zunächst in einem umfangreichen Einstellungsdialog sein Kopfrechentraining individuell zusammenbauen kann: Er kann etwa auswählen, welche Rechenarten er trainieren möchte und wie groß die Zahlen sein sollen, mit denen er üben möchte. Diese Einstellungen können dann abgespeichert werden, sodass man diesen Schritt nicht jedes Mal aufs Neue wiederholen muss. Und wer einfach nur mal schnell trainieren möchte, der kann vom Startbildschirm auch den Schnellstart wählen und direkt in einem der drei mitgelieferten Schwierigkeitsgrade trainieren. So kann wirklich jeder von Mathemakustik profitieren und sein Kopfrechnen verbessern

Anschließend beginnt der Anwender sein Training: Das Programm erstellt zufällige Kopfrechenaufgaben innerhalb der gewählten Vorgaben und liest sie dem Anwender dann vor. Zusätzlich kann man sich die Aufgabe aber auch anzeigen lassen, wenn man „klassisch“ üben möchte. 

Wenn man die Trainingseinheit mit Mathemakustik beenden möchte, wird man auf einen sehr umfangreichen Auswertungsbildschirm geführt. Dort kann der Anwender dann sehen, wie gut er während des Trainings war und in welchen Rechenarten seine individuellen Stärken und Schwächen liegen. 

Auf welche Zielgruppe ist die Software ausgerichtet? 

Wie zuvor bereits angesprochen, habe ich Mathemakustik zunächst für Bewerber für den Pilotenberuf entwickelt. Mittlerweile nutzen aber auch angehende Unternehmensberater Mathemakustik bei der Vorbereitung auf ihre Case-Study-Interviews. 

Wenn man es sich einmal recht überlegt, dann gehört zur Zielgruppe von Mathemakustik aber eigentlich jeder, der ab und an im Alltag rechnen muss, also wirklich jeder! Das Kopfrechnen nach Gehör kommt dabei unserer Alltagserfahrung auch viel näher, als das herkömmliche Kopfrechentraining, bei dem man die Aufgabe vor sich geschrieben sieht: Im Alltag sieht man schließlich die Zahlen, mit denen man zu hantieren hat, auch nur selten vor sich; etwa im Supermarkt, wenn man die Summe überschlagen möchte, die man gleich an der Kasse für die Artikel, die man im Einkaufswagen liegen hat, bezahlen muss. Aber auch Kassierer, Handwerker, Kellner und Krankenschwestern (um nur ein paar Berufsgruppen zu nennen) können in ihrem beruflichen Alltag von guten Kopfrechenfähigkeiten profitieren. Und dabei kann Mathemakustik ihnen helfen. Wir haben dazu auf unserem Blog übrigens einige interessante Artikel veröffentlicht.

Arbeiten Sie noch an anderen ähnlichen Softwares wie „Mathemakustik“? Oder welche Erweiterung könnten Sie sich vorstellen?

Für Mathemakustik plane ich tatsächlich eine Erweiterung, die allerdings mit etwas größerem Entwicklungsaufwand verbunden ist: Aktuell ist die Mathemakustik-Desktop-Version ja lediglich als Standalone-Programm verfügbar, das Sie zunächst herunterladen und anschließend noch installieren müssen. Erst dann können Sie es benutzen. Das bringt einige Nachteile mit sich: Etwa lässt sich Mathemakustik so nur auf Windows-Computern ausführen; Mac- und Linux-User beispielsweise bleiben so außen vor (oder können das Programm nur auf Umwegen nutzen). 

Deshalb möchte ich Mathemakustik mittelfristig in die Cloud verfrachten: Die Software kann dann ganz komfortabel im Browser bedient werden, ohne das eine lokale Installation nötig wäre. Mathemakustik wird dann völlig unabhängig vom Computer und dem Betriebssystem des Nutzers funktionieren. Eine ganz frühe Alpha-Version dieser Vision existiert übrigens bereits und soll demnächst getestet werden.

Was ist Ihr Ziel, auf das Sie mit dem „akustischen Kopfrechentrainer“ hinarbeiten möchten?

Wenn ich so an meine eigene Schulzeit zurückdenke, dann muss ich immer wieder daran denken, wie selten wir eigentlich von unseren Lehrern motiviert wurden, im Kopf zu rechnen. Der Taschenrechner war -spätestens ab der 10. Klasse- mein ständiger Begleiter. Heute, nach Abschluss meines Studiums und meiner Arbeit an Mathemakustik, bin ich überzeugt davon, dass man mit dem Kopfrechnen eigentlich gar nicht früh genug anfangen kann. Und dabei möchte ich gerne helfen: Ich würde es großartig finden, wenn ich mit meinem Programm junge Menschen für das Training ihrer Kopfrechenfähigkeiten begeistern könnte! 

Ich kann mir gut vorstellen, dass Mathemakustik für Schüler und Lehrer als Inspiration dienen und als wirkungsvolles und unterhaltsames Werkzeug eingesetzt werden kann, um im Mathematikunterricht oder im Rahmen von AGs das Kopfrechnen wieder mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Tatsächlich war dieser Gedanke ja Auslöser dafür, dass wir miteinander in Kontakt gekommen sind: Ich habe die Stiftung Rechnen kontaktiert, weil ich mit meiner Software gerne Schulklassen und ihre Lehrer kostenfrei unterstützen würde, wenn dort Bedarf und Interesse besteht. 

Deshalb möchte ich an der Stelle auch gerne eine Bitte an die Lehrer und Schüler unter den Lesern dieses Interviews los werden: Ich möchte gerne mit Ihnen und euch diskutieren, ob überhaupt und, wenn ja, wo Sie Einsatzmöglichkeiten für meine Software im Rahmen Ihres Unterrichts sehen? Wenn wir dadurch gemeinsam das Interesse von jungen Menschen am Kopfrechnen wecken können, dann möchte ich Sie herzlich einladen, mich zu kontaktieren. Gerne statte ich Sie dann mit entsprechenden, kostenfreien Lizenzen für Ihre Schule aus!

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Welt ohne Mathematik wäre…

… noch immer in der Steinzeit. Und ganz sicher auch weit weniger unterhaltsam!