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Interview Dr. Dr. h.c. Norbert Herrmann

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe August 2015

Dr. Dr. h.c. Norbert Herrmann lehrte Angewandte Mathematik an der Leibniz Universität Hannover.  Bekannt wurde er durch Fernsehauftritte, wie bei tv total oder dem Frühstücksfernsehen. Hier klärte er mathematische Fragen und Probleme des Alltags und konnte immer wieder die Moderatoren mit Mathematik faszinieren. 

Dr. Dr. h.c. Norbert Herrmann ist seit Juni 2015 neuer Mathe-Botschafter der Stiftung Rechnen. 

Herr Dr. Dr. Herrmann, was ist Mathematik für Sie? Hobby? Leidenschaft? Lebensnotwendigkeit?

Mathematik war mein Beruf als Dozent an der Leibniz Universität Hannover. Gearbeitet habe ich in der Angewandten Mathematik. Gleichzeitig war es aber auch eine Art Hobby für mich, denn auch in meiner Nichtarbeitszeit habe ich mathematische Bücher gelesen und mich weitergebildet.

Wir haben den Eindruck, dass Ihr Herz in erster Linie für die Mathematik schlägt. Welche ist Ihre zweit¬größte Leidenschaft? 

Neben der geliebten Mathematik habe ich viele weitere Interessen. Ein großes Hobby ist für mich die Betätigung in der Musik. Ich spiele etwas Klavier und Gitarre und singe sehr gern. Mehr als zehn Jahre lang habe ich im Extrachor der Staatsoper Hannover mitgewirkt. Aber ich beschäftige mich auch viel mit Astronomie und habe mir mehrere Teleskope zugelegt. Leider bewirkt die Lichtverschmutzung gerade in einer Stadt, dass man diesem Hobby nicht sehr oft frönen kann. 

Zeitweilig habe ich in einem Go-Club mitgespielt. Go, ein  japanisches Brettspiel, das sehr viel Logik verlangt.

Mathematik im Alltag – die wird doch immer mehr von Rechnern, Handys, Apps und Co. erledigt. Wofür sind mathematische Kompetenzen überhaupt noch wichtig?

Eines der großen Missverständnisse steckt in dieser Frage. Rechner, Computer etc. erledigen das Handwerkszeug, das Rechnen. Mathematik braucht man für die Hintergründe, für die Modelle, für die Analyse von verschiedenen Verfahren usw. Das können Computern nie übernehmen.

Warum haben Sie ein besonderes Interesse daran, die Mathematik im Alltag deutlich zu machen?

Gerade das angesprochene Missverständnis treibt mich an, etwas über die wirkliche Mathematik zu erzählen. Es ist eben kein „stures“ Rechnen, sondern eine hohe geistige Leistung, die gerade in vielen Situationen des Alltags eine wichtige Rolle spielt. Fast möchte ich behaupten, dass es keinen Beruf gibt, der ohne Mathematik auskommt. Denken wir an die Navigationsgeräte oder das MRT oder die Modelle zur Klimaforschung oder den Autoverkehr. Überall steckt die Mathematik drin.

Bitte beschreiben Sie uns Ihr Lieblingsbeispiel aus der Mathematik im Alltag.

Eigentlich ist mein Lieblingsbeispiel immer das, mit dem ich mich gerade aktuell beschäftige. Im Moment denke ich über die Keplersche Fassregel nach, eine Formel, um zu berechnen, wie viel Wein in einem Weinfass ist. 

Da ich aber als „Vater der Einparkformel“ im Internet genannt werde, ist dieses Beispiel des Rückwärtseinparkens natürlich ein sehr wichtiges für mich. Dazu erhielt ich auch das meiste Feedback.

Viele SchülerInnen heutzutage fragen sich, wofür sie überhaupt Mathematik lernen sollen. Was würden Sie gegen diese Einstellung tun?

Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler verwechseln das Bearbeiten ihrer Übungsaufgaben mit Mathematik. Sie sehen vor sich diese schrecklichen Ableitungen oder gar die Integrale, die sie berechnen müssen. Mathematiker aber fragen danach, was das eigentlich bedeutet, Ableitung und Integral. Wofür braucht man das denn? Das sind wesentliche Fragen, mit denen sich Mathematiker beschäftigen. Und gerade danach fragen die Schülerinnen und Schüler. Bevor man aber solche Fragen wirklich beantworten kann, muss man zuerst gelernt haben, mit diesen Dingen umzugehen, daher die Übungen. Ich würde also gerne in Schulen Vorträge anbieten, wie ich es schon oft getan habe, und über die wirkliche Mathematik berichten. 

Studien belegen, dass Investitionen in die mathematische Bildung positive Auswirkungen auf das Wachstum der Volkswirtschaft haben. Was denken Sie, warum die Politiker nicht mehr in diese Bildung investieren?

Hier möchte ich kein Urteil abgeben, weil ich mich damit zu wenig auskenne. Meine Vermutung, wenn es stimmen sollte, dass Politiker nicht mehr in diese Bildung investieren, liegt aber genau in dem angesprochenen Missverständnis. Darüber müsste man dann auch Politiker aufklären.

Man ist sich oft nicht einig, ob Mathematik eine Natur- oder eine Geisteswissenschaft ist. Warum ist Ihrer Meinung nach die Mathematik eine Geisteswissenschaft? 

Das ist für mich eine ganz klare Angelegenheit. Mathematik ist eine reine Geisteswissenschaft. Die Zahlen und Formeln sind ja in der Natur nicht zu finden. Oder hat schon jemand mal eine 1 gesehen? Ist die grün oder hübsch?

Welches ist Ihrer Meinung nach das größte Vorurteil, das die Menschen der Mathematik gegenüber haben? Und was würde der Mathematik zu einem Imagewechsel verhelfen?

Genau die Verwechslung, dass man aus der Schule die Beispiele in Erinnerung hat, zu deren Lösung man rechnen musste und der geistigen Leistung und der Logik der Mathematik. Warum ergeben Schulden, wenn man sie mit Schulden multipliziert, ein Guthaben, also warum ist Minus mal Minus gleich Plus? Solch eine Frage zu beantworten, erfordert logisches Denken. Das kann man nicht durch Rechenbeispiele beweisen.

Was war es für ein Gefühl im Fernsehen aufzutreten und dort bekannte Moderatoren mit Mathematik zu faszinieren?

Tatsächlich ist mir oftmals in Vorgesprächen das Vorurteil entgegen gekommen, dass Mathematik langweilig und öde ist. Allerdings hatten sich gerade die Moderatoren sehr gut vorbereitet und waren dann sehr erstaunt und geradezu verblüfft, wenn ich meine Beispiele ausgebreitet und logische Spiele vorgeführt habe. So hatten sie Mathematik noch nicht erlebt. Häufig also ein Aha-Erlebnis, das mich natürlich gejuxt hat.

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Welt ohne Mathematik wäre…

… vermutlich noch in der Steinzeit. Alle neueren Entwicklungen fußen auf mathematischen Erkenntnissen.