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Interview Fähnrich und Thein

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe November 2015

Die beiden Mathematik-Lehrer unterrichten nach der Methode Flip the Classroom und haben dafür Lernvideos und Unterrichtsmaterial auf ihrer Website www.fliptheclassroom.de veröffentlicht.

Herr Fähnrich (FF) und Herr Thein (CT), wieso hat die „Flip the Classroom“-Methode Sie beide so begeistert?

FF: Oft hat man im traditionellen Mathematikunterricht nicht mehr genug Zeit Aufgaben differenziert zu Üben und das erlernte Wissen bei Problemstellungen anzuwenden bzw. zu vertiefen. Dies wäre aber zum Behalten und Vernetzen der erlernten Inhalte sehr wichtig. 

CT: Deswegen verlagern wir Übungs- und Vertiefungsphasen in den Unterricht, die Inputphasen finden dagegen als Hausaufgabe durch Erklärvideos auf unserer Plattform www.fliptheclassroom.de statt. Hier kann sich jeder neue Inhalte in seinem eigenen Lerntempo aneignen.

Wie viele Wochenstunden unterrichten Sie nach der Methode?

CT: Jeder von uns wendet diese Methode aktuell in allen vier Wochenstunden seines Mathematikkurses der Oberstufe an. 

Wie bereitet man sich als Lehrer/-in auf diesen Unterricht vor?

FF: Man muss zum einen die Videos erstellen. Dadurch beschäftigt man sich sehr gut mit dem aktuellen Thema, seinen spezifischen Schwierigkeiten und den dazugehörigen Aufgaben. Außerdem sucht man für die Unterrichtsphase die passenden Aufgaben und Problemstellungen heraus und beantwortet im Vorfeld Fragen und Anregungen der Schüler/-innen, die durch Kommentare unter den Videos geäußert werden.

Können Sie immer alle Fragen der Schüler/-innen sofort beantworten?

CT: Nein, aber das wollen wir auch bewusst nicht. Hat ein Kind eine Frage zu einem Thema oder einer Aufgabe im Video, dann stellt es diese Frage durch die Kommentarfunktion unserer Webseite. Dadurch, dass innerhalb von zwei Tagen ca. 40 SchülerInnen das Video bearbeiten, findet sich meistens einer oder mehrere andere, die diese Frage beantworten. Und so ergibt sich ein reger Austausch unter den SchülerInnen. Wird eine Frage mal nicht oder nicht ausreichend von SchülerInnenseite beantwortet, dann beantworten wir diese auch gerne. 

Passt die Methode auf jede/n Schüler/-in, egal welchen Alters, Herkunft, …

FF: Gut, dass Sie das Alter ansprechen. Dies spielt eine große Rolle. Die Methode setzt ein großes Maß an Selbständigkeit und eigenverantwortlichen Lernens voraus. Diese Eigenschaften sind mit zunehmenden Alter stärker ausgeprägt und werden auch von uns Lehrkräften zunehmend stärker gefordert und gefördert.

Wie bewerten Sie Ihre Schülerinnen und Schüler im Vergleich zur Bewertung beim traditionellen Unterricht?

FF: Die Hauptbewertung sind immer noch die Klausuren. Mündliche Noten finden dadurch statt, dass eine Abfrage der Videos am Anfang jeder Unterrichtsstunde erfolgt. Dabei werden einfache Regeln oder Standardaufgaben des Themas abgefragt. Außerdem nutzen wir die Methode des "Aktiven Plenums" bei der sich der Lehrerkörper zurückzieht und die Klasse im Kollektiv eine komplexere Aufgabe löst. Diese Phase ermöglicht dem Lehrerkörper eine sehr genaue Einschätzung der mündlichen Leistung einzelner SchülerInnen.

Welche Hindernisse mussten Sie bei der Umsetzung der Methode überwinden?

CT: Gerade am Anfang haben wir viel Zeit gebraucht um die Videos zu erstellen und uns das technische Knowhow anzueignen. Deswegen geben wir mittlerweile für Kollegen Workshops zur Erstellung von Erklärvideos, bei denen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen weitergeben. Mittlerweile erstellen wir einfachere Erklärvideos innerhalb einer Stunde.

Und wie haben die Eltern darauf reagiert?

CT: Wir haben bisher nur positive Rückmeldungen von den Eltern erhalten. Von einigen wissen wir auch, dass sie ab und zu selbst kurz in unsere Videos reinschauen.

Passt die Methode auch bei anderen Unterrichtsfächern?

FF: Wir sind der Meinung, dass „Flip the Classroom“ generell immer dann funktioniert wenn man im Unterricht Phasen hat, in denen der Lehrerkörper zentral etwas einführt oder den Schüler/-innen erklärt. In diesen Fällen kann man den Inhalt auch mit Hilfe eines Erklärvideos vermitteln und die im Unterricht frei werdende Zeit entsprechend anders nutzen.

Sie sind nun beide Mathematiklehrer, wieso Mathe? Woran erinnern Sie sich aus Ihrem Mathe-Unterricht als Schüler?

CT: In meiner eigenen Schulzeit habe ich Mathematik als Fach gerne gemacht, auch wenn mir viele Themen nicht immer auf Anhieb leicht fielen. Aber ich konnte mich dafür begeistern an Problemen dran zu bleiben und Unklarheiten zu beseitigen um eine für mich passende Erklärung zu finden. Dabei habe ich mich oft gefragt, warum es uns nicht gleich so erklärt wurde. Aus der Sicht eine Schülers kann man sich diese Frage natürlich leicht stellen. Ab der elften Klasse begann ich jüngeren MitschülerInnen Nachhilfe zu geben und hatte großen Spaß daran, auch anderen eine einfache, gut verständliche und weniger negative Sichtweise auf Mathematik zu vermitteln. Im Laufe der Oberstufe reifte dann der Entschluss Lehrer zu werden.

Was halten Sie davon, Mädchen und Jungs getrennt voneinander in Mathematik zu unterrichten?

FF: Wir halten ehrlich gesagt gar nichts von dieser Idee. In unserem Unterrichtsalltag sehen wir tagtäglich, dass es keinen Unterschied macht ob man mathematische Inhalte an Mädchen oder Jungen vermittelt. Die Herausforderung an den Lehrkörper besteht darin, seinen Unterricht so zu gestalten, dass jede/r SchülerIn sich unabhängig von seinem Geschlecht oder mathematischen Können davon angesprochen fühlt.

Und glauben Sie, dass die Methode „Flip the Classroom“ dem Image des Rechnens auf die Sprünge hilft?

CT: „Flip the Classroom“ bringt zum einen die mediale Alltagswelt der Schüler/-innen in das Unterrichtsfach Mathematik, zum anderen verlegt es die kritische Übungsphase, in denen die SchülerInnen normalerweise oft allein sind, in den Unterricht. Dort wird im Team, oft in einer entspannteren Atmosphäre als im normalen Unterricht, zusammengearbeitet. Wenn die SchülerInnen von heute also mit einem positiven Bild von Mathematik die Schule verlassen, dann müssen wir uns weniger Sorgen machen, dass jeder nächste Vorstandsvorsitzende oder Politiker zukünftig in Talkshows offen mit seinem mathematischen Unvermögen in der Schule prahlt.

Wieso sind Sie Mathe-Botschafter der Stiftung Rechnen?

FF: Wir möchten unseren Teil dazu beitragen, die Begeisterung, die wir für Mathematik empfinden, auch anderen zu vermitteln und das Bild von Mathematik in unserer Gesellschaft nachhaltig zu verbessern.

Wann macht Mathe Spaß?

CT: Wenn man Fachinhalte nicht mehr zwanghaft in erfundene Alltagssituationen presst sondern ausgehend von realen, interessanten und nachvollziehbaren Situationen die mathematischen Inhalte aussucht.

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Welt ohne Mathematik wäre…

...um eine Weltsprache ärmer.