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Interview Finja Carolin Klütz

Im Experteninterview, das im Newsletter der Stiftung Rechnen erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen. 

Ausgabe Dezember 2017

Sie sind Deutschlandchefin der Strategieberatung Oliver Wyman. Was ist die besondere Herausforderung in dieser Position und in Ihrer Branche?

Aufgabe von Strategieberatungen ist es, neue Trends zu erkennen und zu unterscheiden, was ihren Kunden wirklich hilft und was heiße Luft ist. Strategieberatungen müssen sich ständig weiter entwickeln, um ihre Kunden tatkräftig bei der Antwort auf die relevanten Trends unterstützen zu können. Aktuell steht die Digitalisierung im Fokus. Als Managerin in diesem Umfeld hilft es, meinungsstark und technikaffin zu sein.  

Sie haben Mathematik studiert. Hilft Ihnen das Studium in Ihrem Beruf weiter?

Ich habe dem Studium sehr viel zu verdanken. Mathematik hat mich demütig und mutig gemacht. Im Studium habe ich neuen Stoff oft erst richtig verstanden, als wir bereits vier Schritte weiter waren und ich ihn einordnen konnte. Anwenden ist das eine, Verstehen das andere. Die Breite des möglichen Wissens wird da sehr plastisch und damit die Erkenntnis, wie wenig ich selbst erst weiß. Waren die Inhalte aber erst einmal richtig verstanden, schien oft trivial, was vorher wie ein Buch mit sieben Siegeln wirkte. Das macht Mut, sich auch anderen Herausforderungen zu stellen.
Daneben trainiert Mathematik auch das Erkennen von Strukturen – das nutzt mir immer noch sehr.

Und im Alltag?

Ständig nutzen wir Mathematik – meist ohne uns dessen bewusst zu sein. Als z. B. meine Kinder noch im Kinderwagen saßen, ist mir aufgefallen, wie viele Eltern sich auf einer runter fahrenden Rolltreppe hinter den Wagen (also oberhalb) hinstellen. Es braucht nicht viel Mathe um einzusehen, dass die eigene Kraft besser eingesetzt ist, wenn man sich vor den Kinderwagen nach unten stellt, als wenn man mit schiefem Rücken nach vorn gebeugt versucht, den Wagen von oben zu halten.

Nach wie vor haben Mädchen und Frauen häufig Berührungsängste mit Mathematik und den anderen MINT-Fächern. Wie kann man das Ihrer Meinung nach ändern?

Ich halte es für wichtig, Mathe und MINT für Mädchen und Frauen positiv zu emotionalisieren. Vorbilder sind wichtig, wie auch Geschichten, in denen Mädchen an Mathe Freude und mit Mathe Erfolg haben. Ganz plakativ: warum nicht in jedem rosa Pferdebuch zeigen, dass Mathe ein Erfolgsfaktor sein kann? Z. B. indem die Protagonistin aufgrund ihrer guten Geometrie-Kenntnisse die beste Absprungstelle ihres Pferdes vor dem Hindernis berechnen kann – und dadurch gewinnt.

Und was möchten Sie persönlich dazu beitragen?

Ich möchte helfen, der Mathematik weibliche Gesichter zu geben und Geschichten zu erzählen. Ich möchte Mut machen, sich auf das Abenteuer einzulassen, die sieben Siegel zu knacken.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Eine Welt ohne Mathematik wäre ...

... kalt, arm und armselig. Angefangen von der Statik der Häuser über das potenzielle Wachstum der Hefe im Pizzateig bis hin zur Verschlüsselung im Mobiltelefon geht nichts ohne Mathematik. Neben Moral und der Sprache, mit der wir uns unterhalten, ist Mathematik die wichtigste Grundlage der Zivilisation. Ich finde es faszinierend, wie still und heimlich sie diese Rolle ausfüllt!