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Interview Prof. Dr. Christensen

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe September 2015

Interview Prof. Dr. Christensen

Björn Christensen ist Professor am Institut für Statistik und Operations Research an der Fachhochschule Kiel. Im Experteninterview spricht er über die Auswirkungen des Wetters auf das Kaufverhalten, über das Haus vom Nikolaus und er stellt sein Buch "Achtung: Statistik" vor.

Wie sind Sie und Ihr Bruder auf die Idee gekommen Statistik-Kolumnen herauszubringen? 

Zum einen hatten wir den Eindruck, dass Statistik in der Bevölkerung eher schlecht gelitten ist, da das Thema aus Schule, Studium und Beruf als trockene und schwierige Materie negativ assoziiert ist. Zum anderen finden sich regelmäßig Beispiele in den Medien oder auch der Wissenschaft, in denen Statistik eine bedeutsame – leider zum Teil auch unrühmliche – Rolle spielt. Wir wollten das Thema Statistik einmal anders aufbereiten, nämlich mit dem Ziel, als kurze Kolumne zum Nachdenken und zum Schmunzeln anzuregen. 

Sie veröffentlichen jede Woche eine neue Kolumne auf Ihrer Website und im Schleswig-Holstein Journal. Woher nehmen Sie Ihre Themen? 

In erster Linie entnehmen wir Anregungen der medialen Berichterstattung. Es kann sich dabei um Fälle handeln, in denen man zum Beispiel gar nicht vermuten würde, dass hinter einer Meldung statistische Berechnungen stehen. Dann kann es interessant sein, die Ideen dahinter vorzustellen. Und der ein oder andere Leser kann sich vielleicht an seinen eigenen Schulunterricht oder das Studium erinnert fühlen und feststellen, dass die dort gelernten Themen in der Praxis tatsächlich eine wichtige Rolle spielen. Häufig finden wir aber auch Meldungen, die aus statistischer Sicht nicht valide sind. Dann greifen wir das Thema auf, um möglichst einfach und verständlich zu erklären, warum hinter einer vielleicht reißerischen Meldung eher heiße Luft steckt.     

Wer ist Ihre Zielgruppe? 

Ganz klar jeder, der ein grundsätzliches Interesse an der Thematik hat und sich vielleicht schon häufiger gefragt hat, was der Hintergrund vieler Meldungen in den Medien ist. Wir versuchen dabei dem Leser auf möglichst unterhaltsame Weise zu ermöglichen, Meldungen kritisch zu hinterfragen.  

Ist das Buch nur für Mathenerds lesbar oder verstehen das alle Leser?

Voraussetzung für das Verstehen unserer Kolumnen ist der gesunde Menschenverstand, also absolut kein Buch nur für Mathematiknerds! Und eigentlich ist das auch das Faszinierende: Selbst für komplexe Themen ist eigentlich keine Vorbildung nötig, um die grundlegenden Ideen zu verstehen.

Welches ist Ihre Lieblingsgeschichte?

Eine Lieblingsgeschichte habe ich gar nicht. Ich denke, dass unter anderem die Mischung den Reiz des Buches ausmacht. Neben Themen, die wir der medialen Berichterstattung entnommen haben und an die sich die Leser vielleicht noch erinnern, haben wir unter anderem auch Alltagsfragen der Statistik, statistische Phänomene und Paradoxa, Fragen der Prognosen mittels statistischer Methoden und Geschichten zu Statistik vor Gericht im Repertoire. Da jedes Thema als Kolumne behandelt wird, die wir zum Teil um weitergehende Erklärungen ergänzt haben, eignet sich das Buch besonders gut auch dafür, es immer mal wieder zur Hand zu nehmen, um einzelne Themen zu lesen und zwischen den Themen hin und her zu springen. 

 

Interview Ausgabe 4/2013:

Herr Prof. Dr. Christensen, welche ist Ihre aktuelle Lieblingsstatistik?
Hm, das ist schwer zu entscheiden, es gibt sehr viele spannende Statistiken. Vor Silvester und den damit verbundenen unzähligen Prophezeiungen für das nächste Jahr würde ich aber sagen, dass das „Theorem der endlos tippenden Affen“ ganz gut passt. Es besagt, dass ein Affe, der unendlich lange zufällig auf einer Schreibmaschine herumtippt, fast sicher irgendwann z. B. Goethes Faust tippen würde. Genauso sicher werden wir demnach wieder erleben, dass einer der weltweit Millionen Hellseher einen Zufallstreffer bezüglich des Verlaufs des Jahres 2014 landen wird. Die Zukunft vorhersagen kann aber auch dieser natürlich nicht.

Sie sind Gründer einer Firma, die sich mit der Frage beschäftigt, wie sich das Wetter auf das Kaufverhalten von Menschen auswirkt. Wie denn?
Das lässt sich nicht so pauschal benennen, denn das Wetter kann sich sehr unterschiedlich auswirken. Nehmen Sie beispielsweise eine Bäckerei: Bei Regen wird mehr die eine Filiale, bei schönem Wetter eher die andere Filiale angesteuert. Allerdings gibt es auch Phänomene, die bei allen Filialen zu beobachten sind. So wird z. B. an den ersten schönen Frühsommerwochenenden verstärkt Baguette und anderes helles Brot nachgefragt, weil viele sonnenhungrig den Grill anwerfen.

Und dann haben Sie mal eine Firma namens analytix gegründet. Worum geht es dort?
Eigentlich geht es in der analytix um alle Fragen der statistischen Analyse und Prognose, also z. B. Data-Mining, quantitative Marktforschung und statistische Gutachten. Es werden also in den Bereichen der Statistik, in denen es keine Standardlösungen gibt, Angebote gemacht. Das macht die Arbeit aber auch besonders spannend, denn die Projekte sind sehr breit gefächert.

Nach Jahren als Geschäftsführer dieser beiden Unternehmen sind Sie in die Forschung und Lehre gewechselt. Wie kam es dazu?
Ich hatte schon immer viel Freude an der Lehre und aus diesem Grund seit Jahren nebenberuflich Lehraufträge an Hochschulen inne. Vor meiner Selbstständigkeit war ich fünf Jahre in der Forschung am Institut für Weltwirtschaft tätig. Der Wunsch, sowohl Lehre als auch anwendungsorientierte Forschung zu meiner Haupttätigkeit zu machen, war schon länger vorhanden und so lag es nahe, eine Professur an einer Fachhochschule anzustreben.

Sie schreiben zusammen mit Ihrem Bruder Sören eine Kolumne namens „Achtung Statistik“. Wovor muss man sich denn in Acht nehmen?
Erst einmal wollen wir mit der Kolumne zeigen, dass uns Statistik im Alltag sehr häufig begegnet, ohne dass wir es merken. Statistik ist also nicht eine nutzlose Disziplin, um Schülerinnen und Schüler oder Studierende zu quälen. Zum anderen ist es aber in der Tat so, dass in den Medien häufig – vermutlich unwissentlich – Statistiken falsch verwendet werden und somit Zusammenhänge fehlerhaft dargestellt werden. Wir hoffen mit der Kolumne ein wenig den Blick für Statistik schärfen zu können.

Jetzt mal ein abgedroschener Spruch: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.“ Ihr Kommentar?
Der Spruch ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Tatsächlich lassen sich statistische Daten relativ einfach derart aufbereiten, dass Zusammenhänge verfälschend dargestellt werden. Allerdings ist es häufig einfach, auch ohne tiefergehende Kenntnisse in der Statistik, derartige Fälschungen zu entlarven. Der berühmte „gesunde Menschenverstand“ hilft dabei schon weitestgehend.

Welche Statistik hat Sie mal so richtig überrascht?
Ich finde, dass das Simpson-Paradoxon zeitlos für „Aha-Effekte“ sorgt. Ursprünglich basiert es auf einer Diskriminierungsklage gegen die Universität Berkeley in den 1970er-Jahren. Frauen wiesen insgesamt höhere Ablehnungsquoten als männliche Bewerber auf. In den einzelnen Studiengängen jedoch war es genau umgekehrt. Wie kann das sein? Die Antwort: Frauen hatten sich eher in Studiengängen beworben, in denen es niedrigere Zulassungsraten gab. Anfangs hatte niemand den Irrtum erkannt und es wurde sogar ein Gericht mit der Frage beschäftigt.

Was spielt neben Mathematik und Statistik eine wichtige Rolle in Ihrem Leben?
Meine Familie! Meine Frau und ich haben drei Töchter. Da wird es nie langweilig.

Weihnachten und Statistik – was fällt Ihnen spontan dazu ein?
Oh, da fällt mir ein Beispiel aus der Graphentheorie ein, aus dem sich folgende Statistik ableiten lässt: Wussten Sie, dass es genau 88 Lösungen für das Zeichnen des Hauses vom Nikolaus gibt? Und dass es ganz einfache Regeln gibt, wonach man entscheiden kann, ob eine Variante des Hauses vom Nikolaus (z. B. „Das Haus vom Nikolaus und nebenan vom Weihnachtsmann“) ohne Absetzen gezeichnet werden kann?