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Interview Prof. Christian Hesse

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe Juli 2016

Herr Hesse, wie verlief Ihre Mathematik-Karriere in der Schule?

Eigentlich ganz unspektakulär. Ich erinnere mich, dass mir die Mathematik von der Grundschule bis zum Abitur immer sehr viel Spaß gemacht hat. Sie hat mir nie größere Schwierigkeiten bereitet. Ich hatte allerdings auch sehr gute Lehrer, die meine Motivation für das Fach noch gesteigert haben. Mathematik war aber nicht das einzige Fach, das mich begeistert hat. Auch alle Naturwissenschaften fand ich Klasse. Mit all diesen Fächern habe ich mich auch in meiner Freizeit unabhängig vom Schulstoff und zwar ganz freiwillig beschäftigt. Wahrscheinlich war ich damals das, was man heute einen Nerd nennt.

Heute lehren Sie Mathematik und Statistik an der Universität Stuttgart, haben während Ihrer beruflichen Laufbahn politische Organe sowie das Bundesverfassungsgericht beraten und sind dazu erfolgreicher Blogger und Buchautor. Was machen Sie, wenn Sie keine der genannten Rollen einnehmen?

Einen Großteil meiner Zeit nehmen auch die Bemühungen ein, mathematische Forschung zu betreiben, momentan speziell zu den Themen Aktienkursentwicklung und Anomalien bei Wahlsystemen. Meine wichtigste Rolle überhaupt ist aber die eines Vaters und Ehemanns, der ich auch gut gerecht werden möchte. Das ist nicht leicht, wenn man eine 15-jährige Tochter, einen 11-jährigen Sohn und eine als Professorin für Politikwissenschaft voll berufstätige Frau hat.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei Ihnen aus?

Einen typischen Arbeitstag im herkömmlichen Sinn gibt es nicht. Nur ein paar Fixpunkte, wie zum Beispiel:Aufstehen gegen 6, dann etwas Jogging, bei dem  ich durch einen nahe gelegenen Park hechele, dann Brötchen holen für den Rest der family. Später entweder Fahrt ins Institut nach Stuttgart mit Vorlesungen, Sitzungen, Betreuung von Studenten, Gesprächen mit Kollegen. Oder Wahrnehmung eines auswärtigen Termins aus den verschiedensten beruflichen Gründen. Oder Arbeit am heimischen Schreibtisch. In letzter Zeit öfters eine Autorenlesung, eine Buchvernissage, einen Vortrag, manchmal auch abends. Zwischendurch gelegentlich einen Pressetermin.

Warum macht Mathematik glücklich?

Sagen wir mal vorsichtshalber, dass Mathematik glücklich machen kann. Natürlich nicht jeden und nicht immer. Aber doch einige sehr oft. Das mit dem Glück ist ja eine Sache, die sich im Kopf abspielt und daran hängt, dass dort die richtigen Hormone erzeugt werden. Und das geht bei einigen Menschen mit einer mitreißenden Melodie oder einer formvollendeten Skulptur, einer unberührten Landschaft, einem sympathischen Gesicht. Es funktioniert bei einigen aber auch mit einer filigranen mathematischen Gedankenkonstruktion, bei der die einzelnen Gedankensplitter ganz wunderbar zusammenpassen und ineinander greifen wie die Rädchen in einem Schweizer Uhrwerk. Es ist natürlich so, dass man niemandem die Schönheit eines spektakulären Sonnenuntergangs erklären muss. Um sich aber an einem Stück gelungener Mathematik zu erfreuen und Glücksgefühle zu spüren, bedarf es einer gewissen Schulung des Geistes.

Bei den „Happy-Hour-Häppchen“ Ihres aktuellen Werkes „Math up your Life! Schneller rechnen, besser leben“ handelt es sich um Kurzgeschichten, in denen es um die Faszination der Mathematik geht. Haben Sie Favoriten, die Sie auch heute noch zum Schmunzeln bringen?

Ja, die habe ich. Eine meiner Thesen ist es, dass man mit der mathematischen Methode über alles nachdenken kann. So gibt es etwa eine sehr ausgefeilte Mathematik der Knoten, eine mathematische Warteschlangentheorie, die interessanterweise Ideen von Albert Einstein über das wilde Hin und Her von Molekülen in Flüssigkeiten verwendet. Auch einen mathematischen Gottesbeweis bespreche ich, insofern kann man sagen, dass die Mathematik an Gott glaubt.
Zu meinen Favoriten in dem formelfreien Buch mit erzählter Mathematik, das ein Kommentator etwas übertrieben als „das beste Mathe-Buch aller Zeiten“ bezeichnete, gehört immer noch ein Häppchen, das sich mit der Mathematik des Eheglücks beschäftigt. Es berichtet über die Theorie von einem Mathematiker und einem Psychologen, mit der sie schon bei einer Eheschließung vorhersagen können, ob die Ehe nach 10 Jahren noch besteht. Und in ihrer jahrzehntelangen Langzeitstudie hatten sie bei vielen hundert Vorhersagen eine Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent. Fantastisch, oder?

Haben Sie bereits ein neues Projekt, an dem Sie arbeiten?

Ja, im Moment arbeite ich unter anderem an einem Buch, das erklärt, wie man die verschiedensten komplizierten Rechnungen schnell im Kopf durchführen kann, etwa die Wurzel aus der Zahl 91 innerhalb von nur wenigen Sekunden auf eine Nachkommastelle genau herauskriegen kann. Es handelt von faszinierenden mathematischen Rechentricks, die teils schon die alten Babylonier, Inder, Griechen kannten.

Die Mathematik hat nach wie vor kein gutes Image. Wie lässt sich das ändern?

Ich glaube eigentlich nicht, dass die Mathematik ein schlechtes Image hat. Am Anfang des 3. Jahrtausends wird nämlich durchaus gesehen, dass Fortschritt ohne Mathematik in vielen Bereichen praktisch nicht mehr möglich ist, und dass wir viele moderne Errungenschaften von  GPS bis Computertomographie letztlich der Mathematik verdanken. Was man allerdings sagen muss, ist, dass die Mathematik sehr stark polarisiert. Die, die sie nicht mögen, hassen sie in der Regel geradezu. Und die, die sie mögen, mögen sie sehr intensiv. Bei all jenen, die bei Mathematik ein ungutes Gefühl haben, stammt dies in der Regel vom Mathematik-Unterricht ihrer Schulzeit, der als zu abstrakt, unlebendig, wirklichkeitsfern und freudlos empfunden wurde. Und da es nicht wenige sind, denen es so ergeht, muss an der schulischen Mathematik-Präsentation unbedingt so manches verändert werden.

Sie sind seit Mai 2016 Mathe-Botschafter der Stiftung Rechnen. Was liegt Ihnen bei der Förderung des Rechnens besonders am Herzen?

Generell geht es mir darum, dass so viele Menschen wie möglich ein Gespür für Zahlen, Daten, Statistiken bekommen. Denn all diese Dinge begegnen uns  auf Schritt und Tritt. In einer Welt, in der es mittlerweile mehr Zahlen als Worte gibt, kann man selbst den ganz normalen Alltag nur erfolgreich navigieren, wenn man mit diesen quantitativen Dingen kompetent umgehen kann.
Durch meine populärwissenschaftlichen Bücher versuche ich einem größtmöglichen Publikum,  Freude am Erwerben dieser quantitativen Kompetenzen zu vermitteln. Aber letztendlich besteht Mathematik eigentlich darin, das Rechnen müssen durch Ideen weitgehend überflüssig zu machen. Das hat ja schon der kleine Gauß demonstriert, als er in der Schule die Zahlen von 1 bis 100 addieren sollte. Statt mit einer tagesfüllenden Rumrechnerei löste er die Aufgabe durch einen hübschen Zahlenkunstgriff innerhalb von Sekunden. Das ist Zen in der Kunst des Rechnens. Und so begreife ich auch ein  Stück weit die Förderung des Rechens: Nämlich das Rechen durch Denken weitgehend überflüssig zu machen.

Eine Botschaft der Stiftung Rechen lautet „Mehr vom Leben durch Freude am Rechnen“. Können Sie ein Beispiel aufführen, wo das auch für Ihren Alltag gilt?

Wie ich oben schon sagte besteht mein Alltag auch darin, Vater zu sein. Und gerade heute habe ich meinem elfjährigen Sohn einen coolen Trick für das große Einmaleins gezeigt, der auch in meinem Buch „Math up your life“ vorkommt. Wenn man zum Beispiel 12 x 13 ausrechen soll, kann man das im Kopf blitzschnell so machen: Zur 12 werden die Einer (als 3) der zweiten Zahl addiert. Das ergibt 15. Dann hängt man eine 0 an und kommt zu 150. Dazu muss nur noch das Produkt  2 x 3 = 6 der Einerstellen der beiden Zahlen 12 und 13 addiert werden. Ergibt 156. Fertig. Schon Grundschüler verstehen das und finden den Trick ziemlich klasse.

Zum Schluss noch ein Satz zum Vervollständigen: Eine Welt ohne Mathematik wäre …

…  auf dem Stand von vor 3000 Jahren.