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Interview Prof. Sören Christensen

Im Experteninterview, das im Newsletter der Stiftung Rechnen erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen. 

Ausgabe September 2017

Sie sind Professor für stochastische Prozesse und Ihre Anwendungen an der Universität Hamburg. Womit genau befassen Sie sich in Ihrer Arbeit?

Ich befasse mich mit allen Vorgängen, bei denen der Zufall eine wesentliche Rolle spielt. Insbesondere beschäftige ich mich damit, wie Entscheider sich in diesen Situationen rational verhalten sollten. 

Denken Sie an die Einführung eines neuen Medikaments für eine seltene Krankheit. Dieses kann man nur an einer sehr kleinen Auswahl von Probanden testen, weil es einfach nur so wenige Patienten gibt. Die Ergebnisse unterliegen also stark dem Zufall. Trotzdem muss man auf dieser Grundlage entscheiden, ob das Medikament zugelassen werden sollte oder nicht. 

Was möchten Sie Ihren Studentinnen und Studenten mit auf den Weg geben?

Oft ist nicht viel tiefliegende mathematische Technik nötig, um Alltagsprobleme mit Hilfe von Mathematik zu lösen. Viel wichtiger ist, dass man mit offenen Augen durch die Welt geht und sich den Fragestellungen mit kritischem Verstand und mathematisch-logischem Grundverständnis zuwendet. 

Was ist für Sie das Reizvolle am Thema Stochastik?

Mich persönlich reizt besonders das Zusammenspiel von schöner Mathematik und Anwendungsbezug. Für mich ist Mathematik immer dann besonders schön, wenn man nach langen Überlegen merkt, dass zwei auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Objekte eigentlich den gleichen Kern haben. 

Wenn ich morgens ins Büro komme, kann ich mir oft aussuchen, ob ich eher einen harten mathematischen Satz beweisen möchte oder mich mit einem Thema beschäftige, das in der Anwendung von Interesse ist. Oft geht sogar beides zusammen. 

War es Zufall, dass Sie Mathematik studiert haben?

Nicht ganz. Eine gewisse Mathe-Affinität liegt wohl in der Familie. Eigentlich wollte ich aber gern einer weiteren Familientradition folgen und Lehrer werden. Irgendwann zog mich dann aber doch die Mathematik so in ihren Bann, dass ich mich heute ganz damit beschäftige. Die Lehre bereitet mir aber nach wie vor viel Freude und ich möchte sie nicht missen.  

Zusammen mit Ihrem Bruder haben Sie einen Blog zum Thema Statistik. Die Fülle von täglich neuen Themen in diesen bewegten Zeiten bietet doch viel Stoff für Statistik-Experten, oder?

Ja, sogar mehr als man bewältigen kann. Fast jeden Morgen stolpern wir bei er Zeitungslektüre über solche Themen. Zumindest einen Teil davon können wir dann ja auch aufgreifen. 

Wie wichtig ist Mathe in Ihrem Leben?

Natürlich ist Mathe ein wichtiger Teil meines Lebens. Andererseits: Meine Frau arbeitet als Hebamme. Wenn ich dann mit Mathematik im Kopf nach Hause komme, von meinem Sohn begrüßt werde und meine Frau von ihrer Arbeit berichtet, dann relativiert sich das aber auch. 

Was liegt Ihnen für Ihre neue Aufgabe als Mathe-Botschafter besonders am Herzen?

Ich möchte vermitteln, dass Mathematik keine „Geheimsprache aus komplizierten Formeln“ ist, sondern dass ein wenig mathematisches Denken jedem beim Verständnis der Welt hilft. Daneben möchte ich zeigen, dass Mathematik Spaß machen und dass man mit ihr Interesse und Begeisterung wecken kann.  

Zum Schluss noch ein Satz zum Vervollständigen: Die Welt ohne Mathematik wäre … 

… völlig chaotisch.