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Interview Sira Busch

Im Experteninterview, das im Newsletter der Stiftung Rechnen erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen. 

Ausgabe Juni 2017

Seit deinem 18. Lebensjahr stehst du auf Deutschlands Poetry Slam-Bühnen und reist für deine Leidenschaft quer durch die Republik. Dabei überzeugst du dein Publikum nicht nur mit Ausführungen über „komische Leute in Zügen“, sondern sorgst insbesondere auch mit Beiträgen über dein Mathematikstudium für Begeisterung. 

Ja. Richtig damit angefangen habe ich aber erst Mitte 2012. Mittlerweile bin ich schon in fast jedem Bundesland sowie Österreich aufgetreten und organisiere als Teil des Tatwort-Teams meinen eigenen Slam in Münster. Und über Mathematik wollte ich unbedingt schreiben, weil mich immer alle fragten, wie es sein kann, dass ich ein Fach studiere, was so „unjuicy“ ist. Mathe ist nicht trocken. Wein mit wenig Zuckergehalt ist trocken. Es war Zeit für eine Abrechnung. 

Warum hast du dich nach deinem Schulabschluss für ein Mathematikstudium entschieden? 

In der Schule war Philosophie eines meiner Lieblingsfächer. An Philosophie finde ich nur störend, dass man manchmal 100 Seiten liest und eigentlich passt der Inhalt auf eine. Und ich dachte immer: Ich will diese Logik. Aber ich will sie ohne so viele Worte! Und so kam ich auf die Idee, Mathe zu studieren. Generell finde ich es gut, mich mit Dingen zu beschäftigen, die viel Übertrag auf andere Fachrichtungen oder Aktivitäten erlauben. Wenn ich Mathe studiere und gut logisch denken kann, dann hilft mir das überall in jedem Bereich weiter. Deshalb mache ich beispielsweise auch Kraftdreikampf. Wenn ich stark bin, dann kann ich schneller rennen, besser bei Umzügen helfen und lerne mehr im Bereich Konzentration dazu, was mir wiederum bei Mathe hilft. Ich suche immer nach Übertrag. Übertrag ist sehr gut. 

Was fasziniert dich an der Mathematik? 

Würde ich sagen "Mathe schafft aus dem Nichts Welten", so wäre das natürlich nicht ganz korrekt. Aber es kommt einem manchmal so vor. Mathe ist oft so: Ich definiere jetzt eine Sache mit ein paar Eigenschaften. Dann denke ich darüber nach, was für weitere Eigenschaften daraus folgen könnten. Dann beweise ich, dass diese weiteren Eigenschaften gelten oder eben nicht. Und plötzlich ist mein Wissen über die definierte Sache schon so viel größer geworden. Du weißt nachher mehr über die Sache, ohne dass dir nochmal Informationen gegeben wurden. Und das ist krass: Was man allein durch logisches Denken alles an Wissen gewinnen kann. 

Was hat es eigentlich mit deiner Liebe zu Monster-Gruppen auf sich?

Ach, leider nicht so viel. Am meisten interessiere ich mich für Gruppentheorie, Topologie und Geometrie. Und der Professor, bei dem ich Vorlesungen dazu hörte (Linus Kramer), sprach als Funfact davon, dass es die Monstergruppe gibt und erzählte kurz was dazu. Das nahm ich dann auch als Funfact in meinen Text auf. Die Namensgebungen in der Mathematik sind manchmal ziemlich drollig. 

Hast du schon Pläne für die Zeit nach deinem Studium? 

Mein Traum war immer zu promovieren, an der Uni zu bleiben und zu forschen. Das fände ich immer noch schön. Ich könnte natürlich auch versuchen, vom Slammen zu leben. Aber wäre das mehr als ein Hobby, wäre das wahrscheinlich sehr stressig für mich. Sonst könnte ich mir vorstellen, Programmiererin zu werden, was vielleicht am realistischsten ist. 

Eine Botschaft der Stiftung Rechnen lautet „Mehr vom Leben durch Freude am Rechnen“. Kannst du ein Beispiel aufführen, bei dem das auch für deinen Alltag gilt? 

Freude an Mathe hilft mir sehr bei meinem Studium. Aber wie in Frage 2 angedeutet, könnte man vielleicht auch sagen: "Mathe ist der Kraftsport des Kopfes". Mathe hilft dir überall. Egal, womit du dich beschäftigst, du wirst besser darin, wenn du dich ab und an mit Mathe auseinandersetzt. Weil Mathe eben ganz schön fordernd ist und Logik beibringt. Außerdem: Wenn du stabile Häuser bauen willst, du einen Ball sehr weit werfen möchtest; Wenn du kontrollieren willst, wie viel Wechselgeld du bekommst oder geben musst; Wenn du etwas Schweres heben möchtest, du etwas Wohlklingendes komponieren willst und die richtigen Tonabstände finden willst; Wenn du keine Ahnung von Fotografie hast, du das aber gut machen willst und glaubst, der goldene Schnitt könnte dir helfen; Wenn du zunehmen möchtest und die Kalorieneinnahme vergrößern willst, wenn du dich schon immer fragtest, wieso genau hier und jetzt und wie überhaupt es gewittert - überall dann hilft dir Mathe. Und ich interessiere mich für all sowas. Ich möchte alles, alles, alles verstehen! 

Hast du dich schon einmal so richtig verrechnet?

Immer, wenn ich was im Kopf ausrechnen soll. Ich moderiere in Münster den U20 Poetry Slam und das Publikum stimmt mit Wertungstafeln ab. Dann muss ich 5 Zahlen zwischen 1 und 10 addieren. Das ist eine große Herausforderung. 

Du bist seit März 2017 Mathe-Botschafterin der Stiftung Rechnen. Was liegt dir bei der Förderung des Rechnens besonders am Herzen?

Ich denke, eher die Menschen brauchen Förderung. Vor allem: Förderung des Selbstbewusstseins, was Mathe angeht. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der nicht mal an irgendwas Mathematischem frustriert ist. Ich las mal ein Interview mit einem meiner Professoren, der den Leibniz-Preis gewann. Dort sagte er auf die Frage, was wohl die wichtigsten Eigenschaften eines Mathematikers wären: "Neugier und Hartnäckigkeit und ein gewisses Maß an Demut. Man rennt ständig gegen eine Wand, durch die man nicht durchkommt. Die meisten Ideen, die man hat, sind falsch". Er ist Leibniz-Preisträger und sagt, dass man ständig gegen eine Wand rennt und falsche Ideen hat. Jedem passiert das! Wenn du in der 6. Klasse einmal an einer Textaufgabe scheiterst, heißt das nicht, dass es Zeit ist aufzugeben! Und auch wenn du die ganze Zeit nur für Mathe lernst und trotzdem nichts verstehst. Vermutlich liegt es nicht an dir, sondern an deinem Lehrer oder deiner Lehrerin! Es könnte entweder sein, dass dein Lehrer oder deine Lehrerin unqualifiziert ist, weil viele Mathe auf Lehramt studieren, weil ihnen sonst nichts einfällt und Mathe nur einen sehr niedrigen NC hat – oder es könnte sein, dass dein Lehrer oder deine Lehrerin einfach nicht zu dir passt! Ich hatte mal eine Vorlesung, in der ich wirklich gar nichts verstand. Dann las ich ein Buch mit dem Stoff und der Autor formulierte das alles so anders und für mich passend, dass mir sofort alles klar war! In diesem Kontext ist es auch besonders wichtig, junge Mädchen zu fördern. Wenn schon ab dem Kindergarten Geschlechterstereotype an klitzekleine Menschen herangetragen werden, die sagen: "Frauen interessieren sich für Soziales und Männer für Naturwissenschaft", dann ist es kein Wunder, dass man in der Mathefakultät nur Männer sieht. Durch sowas gehen uns viele gute Mathematikerinnen verloren. 

Zum Schluss noch ein Satz zum Vervollständigen: Die Welt ohne Mathematik wäre … 

... unmöglich. Man könnte sich eher fragen, wie Mathe ohne die Welt wäre.