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Interview Stephan Kalhamer

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.

Ausgabe Mai 2016

Herr Kalhamer, wann kamen Sie das erste Mal mit dem Pokerspiel in Berührung?

In meiner frühen Jugend sah ich Poker in Filmszenen, gespickt mit den üblichen Klischees. Vermutlich beobachtete ich meine erste Partie Poker mit Terence Hill und Bud Spencer als Protagonisten. Angefangen zu spielen habe ich dann mit Freunden, mit großem Spaß, auch (oder gerade) ohne das Hinterhofambiente, welches Hollywood so gerne bedient.

Sie haben sich nach Ihrem Schulabschluss für ein Mathematikstudium entschieden. Warum?

Mathematik und Kartenspiele gehörten für mich schon immer ganz eng zusammen. Je mehr ich eine dieser Welten begriff, desto klarer wurde mir die jeweils andere. So war es emotional immer klar, dass ich Mathematik machen werde. Auch rational gesehen hat Mathematik einfach ein super Blatt auf der Hand. Die Megatrends Globalisierung und Vernetzung brauchen im Kern nichts dringender als eine saubere Logik im Hintergrund.

Letzten Endes haben Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht. Hat es ein Schlüsselereignis gegeben, dass Sie dazu angespornt hat, diesen Versuch zu wagen? Und hatten Sie nie die Sorge, dass die Professionalisierung Ihnen die Freude am Pokerspiel nimmt?

Wer sein Hobby zum Beruf machen darf, verliert sein Hobby. Doch das ist nicht schlimm. Ich habe auch andere Hobbys. So spiele ich am Feierabend eben Fussball oder Basketball. Die Welt ist groß. Es gibt unendlich viel Schönes.

Verraten Sie uns, wie man Sie beim Pokern schlagen kann?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Eitelkeit am Pokertisch die größten Niederlagen mit sich bringt. Somit bin ich wohl am verwundbarsten gegen einen gänzlich uneitlen Ansatz. Wem es gelingt, dass ich ihn unterschätze, erwischt mich wohl am leichtesten am falschen Bein.

Wo begegnen Ihnen darüber hinaus im Alltag Unsicherheit und Risiko?

Einfach überall. Alles birgt ein Risiko und wenn es nur das Risiko einer unnötig verweigerten Chance ist. Je bewusster man sich das macht, desto verantwortlicher ist man in jeder Entscheidung. Daraus entsteht zunächst scheinbarer Druck und Belastung. Erkennt man aber die Natürlichkeit von Risiko, so entsteht wahre Freiheit und Furchtlosigkeit.

Was fasziniert Sie an der Mathematik?

Dass sie echt ist. Sie spricht eine klare Sprache. Ihre Ergebnisse zählen. Sie ist fair und objektiv. Dazu ist sie freundlich und hilfsbereit. Man muss sich nur auf sie einlassen und darf sich von ihrer Ehrlichkeit nicht verschrecken lassen.

Mathematik ist überall und umgibt uns fortwährend. Wo wird Ihnen das besonders deutlich?

In der Werbesprache. „50% auf das zweite Paar Schuhe“ etwa halte ich für so gut, dass ich es schon verwerflich finde: unwillkürlich speichert man „halber Preis“ ab, obwohl es maximal 25% Rabatt bedeutet und dazu zum doppelten Konsum verführt hat.

Ihr erstes Buch „Texas Hold'em Poker: Vom Anfänger zum turnierreifen Pokerstrategen“ erschien 2005 als erstes rein deutsches Werk im Pokerbereich und gilt hierzulande als Standardwerk. Daraufhin folgten noch einige weitere spannende Veröffentlichungen vom A-Z des Poker-Spiels. Arbeiten Sie aktuell an einem neuen Werk?

Mein nächstes Ziel ist ein Buch, welches Brücken zwischen Pokerentscheidungen und Entscheidungen aus dem beruflichen Alltag schlägt. Die zu Grunde liegende Sprache dabei ist natürlich die Mathematik.

Wie dürfen wir uns Ihren Arbeitsalltag am Gaming Institute vorstellen? Und wie lassen Sie ihn idealerweise ausklingen?

Ich kommuniziere viel. Mit Kollegen, mit Kunden und Partnern. Mündlich oder schriftlich. Vorbereitend, im Coaching oder nachbereitend. Ich lerne und arbeite im Dialog. Feierabend bedeutet für mich somit oft Ruhe und Stille.

Sie sind seit April 2016 Mathe-Botschafter der Stiftung Rechnen. Was liegt Ihnen bei der Förderung des Rechnens besonders am Herzen?

Mathematik ist ebenso wie Poker gesellschaftlich stigmatisiert. Poker wird viel zu waghalsig und Mathematik viel zu bieder gesehen. Ein klarer Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse liegt mir am Herzen. Gerade junge Leute sollen die Chance erhalten, Mathematik als Schweizer Taschenmesser für gutes Entscheiden erfahren und erleben zu dürfen.

Zum Schluss noch ein Satz zum Vervollständigen: Die Welt ohne Mathematik wäre …

… animalisch. Denn rechnen kann auf diesem Planeten wohl nur der Mensch. Mathematik ist menschlich.