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Interview Prof. Stein

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.
Ausgabe 01/2012
Über die Faszination Mathematik, seine persönlichen mathematischen Schlüsselerlebnisse und über die von ihm entwickelte Mathe-Meister Software sprechen wir mit Prof. Martin Stein. Er ist Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Münster und Kuratoriumsmitglied der Stiftung Rechnen.
Was fasziniert Sie an der Mathematik?
Sie folgt festen Regeln und lässt doch Spielraum für Phantasie und Kreativität.
Es heißt oft, Mathematik sei schwer vermittelbar. Stimmt das?
Sicher liegt Mathematik nicht jedem. Für sie wie für das Schachspiel gilt aber: Sie ist wie ein großer See. An seinen Ufern kann die Mücke trinken, und in der Mitte können Elefanten baden. Gerade in der Schule hängt viel von der Lehrperson ab. Was vermittelt sie? Die Freude an der Erkundung neuer faszinierender Dimensionen des Denkens oder gähnende Langeweile…
Wo liegt Ihrer Erfahrung nach der Schlüssel zum Spaß am Rechnen und der Mathematik?
Es gibt nicht den Schlüssel. Eine der Mathematik zugewandte, positiv eingestellte Umgebung zu Hause und in der Schule sind aber ganz bestimmt wichtig. Ansonsten gibt es halt nicht die Mathematik, sondern viele Spielarten, von rein abstrakten Bereichen bis hin zu anwendungsrelevanten Gebieten und Themen. Und somit viele Wege zum Spaß daran.
Was halten Sie von einem spielerischen Zugang zur Mathematik?
Hmmm, das hört sich ja immer toll an. Mit den zweckgerichteten Spielen (die zweckfreien kommen ja eigentlich eher nicht in Frage) ist das aber so eine Sache: Die Lernspiele, die ich kenne, sind häufig eher nicht geeignet, Freude an Mathematik zu wecken, sondern sollen eher dazu dienen, ungeliebte Tätigkeiten wie das Üben zu automatisierender Fähigkeiten mit etwas Zucker zu verpacken. Aber trotzdem: Es gibt Spiele, die man einerseits mit Spaß an der Sache spielen kann und die auf der anderen Seite auch mathematisch analysiert werden können. Das bekannte NIM-Spiel ist ein Beispiel.
Es bedarf aber eines guten Lehrers / einer guten Lehrerin, um die Freude an der Mathematik zu wecken und nicht stattdessen die Freude am Spiel zu ersticken.
Hatten Sie selbst mal ein Schlüsselerlebnis, was Zahlen bzw. Mathematik angeht?
Die Physikdoppelstunde, die ich als Oberprimaner mit Hilfe des Physiklehrers selbstständig vorbereiten und halten durfte, und der vollständige Beweis des Assoziativgesetzes für eine zyklische Gruppe der Ordnung 5 (oder 6), den ich als Primaner nur durch Betrachtung der Verknüpfungstafel, ohne Kenntnis von Kongruenzen, Restklassen etc., selbst gefunden habe – und die ziemlich fassungslose Reaktion meines Mathelehrers darauf.
Sie haben 2011 eine Software für angehende Meister-Schülerinnen und -Schüler auf den Markt gebracht. Was hat es damit auf sich und wie kommt die Software bei der Zielgruppe an?
Mit dieser Online-Software können sich Interessenten an Meisterlehrgängen selbst testen, ob sie die für den angestrebten Beruf nötigen Basiskenntnisse in Mathematik haben, oder ob sie noch eine Auffrischung brauchen.
Die Tests laufen mit Transaktionsnummern (TANs), die auf der Seite mathe-meister.de erworben werden können. Ferner bieten eine Reihe deutscher Handwerkskammern ihren Probanden die Möglichkeit, eine Gratis-TAN zu bekommen. Der Interessent / die Interessentin an einer Meister/innen-Ausbildung kann einen Beruf aus einer Liste von 18 Berufen und Berufsgruppen auswählen und dann einen darauf zugeschnittenen Test machen. Nach Absolvierung des Tests kann er / sie die etwaigen Fehler ansehen, bekommt deren Ursache erklärt und kann sich Beispiele zu den Aufgaben aus Lehrbüchern für den jeweiligen Beruf ansehen, die belegen, dass man die in der Aufgabe abgefragte Kenntnis in der Ausbildung wirklich braucht.
Was raten Sie Jugendlichen, die momentan vor ihrer Berufswahl stehen? Wie entscheidend sind mathematische Kenntnisse im Berufsleben?
Mittlerweile kommt man fast nirgendwo mehr ohne Mathematik aus. Schauen Sie (liebe(r) Jugendliche(r)) dazu mal die Tests in mathe-meister.de an … und für alle, die zu Witzen über Friseure/innen neigen: Machen Sie doch mal den Mathe-Test in mathe-meister.de für Friseure! Können Sie das alles?
Was sagen sie jemandem, der sich mit fehlender Rechenkompetenz brüstet?
„Sie tun mir leid.“
Wir nehmen an, dass Ihr Herz in erster Linie für die Mathematik schlägt. Welches ist Ihre zweit¬größte Leidenschaft? Und die drittgrößte?
In erster Linie natürlich meine Frau (und dann ist da auch noch der Dalmatiner, mein liebster Biowecker). Und lesen (nichts Mathematisches).
Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Welt ohne Mathematik wäre…
… zurück in der Steinzeit. Schon die Babylonier hatten ein hoch entwickeltes Zahlensystem.
