Presse
Interview Prof. Lutz-Westphal

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.
Ausgabe 03/2010
Kommt Mathematik in Weihnachten vor und was ist notwenig, damit die mehr Schüler sich für die Zahlenwelt begeistern? Darüber sprechen wir in dieser Ausgabe mit Prof. Dr. Brigitte Lutz-Westphal, Professorin für Didaktik der Mathematik an der FU Berlin, die das Programm Mathe.Forscher wissenschaftlich begleitet.
Was an der Mathematik fasziniert Sie? Beschreiben Sie uns bitte Ihre erste Begegnung mit der Mathematik.
Mathematik zeigt Dinge, die vorhanden, aber nicht unbedingt sichtbar sind. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie betreten den Bahnhof Alexanderplatz. Sie sehen nicht, dass es dort mehrere hundert Umsteigemöglichkeiten gibt. Mit ein paar wenigen Denkschritten können Sie dies jedoch modellieren und berechnen. Wir haben das sogar mit Grundschulkindern gemacht und ihnen so ein Stückchen ihrer Umwelt neu zeigen können. An meine erste Begegnung mit Zahlen kann ich mich nicht mehr erinnern. Meine Eltern sind beide analytische Denker und so war ich stets von vielfältigen Anregungen umgeben. Gut und gerne erinnere ich mich allerdings an meine erste schulische Begegnung mit den Quadratzahlen in der 5. Klasse. Davon war und bin ich fasziniert.
Die Tage bis Weihnachten sind bereit gezählt – kommt Mathematik in Weihnachten vor?
Zum Glück lässt sich nicht alles im Leben abstrakt fassen. Das weihnachtliche Wunder einer gesunden und glücklichen Geburt ist frei von Mathematik. Die Weihnachtsdekoration allerdings ist voller Symmetrien: Sterne und Ornamente, ebenso wie Schneeflocken.
Sie engagieren sich für die Stiftung Rechnen im Programm Mathe.Forscher. Was liegt Ihnen bei der wissenschaftlichen Begleitung des Programms besonders am Herzen?
Das Programm Mathe.Forscher halte ich für eine sehr begrüßenswerte Initiative. Einen besonderen Charme hat das Projekt dadurch, dass der Kreis der beteiligten Schulen recht klein ist. Hier scheint es mir möglich, entlang der individuellen Bedürfnisse der Lehrer/innen Anregungen für eine veränderte Unterrichtskultur zu geben. Es geht mir hier besonders um die Ermutigung, mit offeneren Konzepten an die Mathematik heranzugehen und sich zu trauen, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern neue Wege zu beschreiten.
Die Studie „Rechnen in Deutschland“ hat gezeigt: Mathe scheint zwar wichtig, aber ist immer noch mehr Pflicht als Spaßbringer. So sind nur 1% der Schüler Mitglieder in einer Mathe-AG. Was muss passieren, damit sich das ändert?
Es gibt natürlich sehr viele Stellen, an denen etwas getan werden müsste. Ein wesentlicher Punkt ist der, dass Schule die Begeisterung für Mathematik häufig verringert oder nicht genug fördert. Ich arbeite recht intensiv daran, den motivatorischen Bruch, den der Großteil unserer Mathematik-Lehramtsstudierenden beim Übergang von Schule zu Hochschule erleben, zu vermindern. Leider passiert es immer wieder, dass Menschen, die aus Liebe zur Mathematik den Entschluss gefasst haben, Mathematiklehrer/in zu werden, im Laufe des Studiums beginnen, unter dem Fach zu leiden. Es ist eine sehr schöne Aufgabe, die verschüttete Begeisterung für das Unterrichtsfach wieder hervorzuholen und mitzuerleben, wie die Studierenden Freude daran entwickeln, ihre ganz individuellen Bezüge zur Mathematik einzubringen und daraus Impulse für den Unterricht zu entwickeln. Aus diesen Erfahrungen können sie in ihrer späteren Lehrtätigkeit schöpfen und ich hoffe, dass dann der Funke noch besser auf die Schüler überspringen kann.
Die MINT-Fächer sind in aller Munde und der Nachholbedarf bekannt: Welche Stoßrichtungen sind bei der Förderung wichtig?
Wir brauchen vor allem in den Kindergärten und Grundschulen mehr naturwissenschaftlich ausgebildete Lehrkräfte. Die Begeisterung für die MINT-Fächer ist bei Kindern automatisch da. Wichtig ist, dass die Erwachsenen um sie herum diese Begeisterung mit ihnen teilen und weiter fördern können und nicht gleich unterschwellig vermitteln, dass hier etwas schwierig und abschreckend ist. Natürlich brauchen wir auch in den Oberschulen begeisterte MINT-Lehrer/innen, doch um gerade auch Kinder aus bildungsfernen Familien ansprechen zu können, ist es in der Oberschule in der Regel schon zu spät.
Wir nehmen an, dass Ihr Herz in erster Linie für die Wissenschaft schlägt. Welches ist Ihre zweitgrößte Leidenschaft?
Die klassische Musik! Ich bin, so weit ich es zeitlich realisieren kann, als professionelle Geigerin unterwegs, unter anderem mit dem Charlottenburger Klaviertrio und den Ravensburger Kammersolisten. Nach dem Abitur konnte ich mich nicht zwischen Musik und Mathematik entscheiden, also habe ich beides in einem Lehramtsstudium vereint und bin immer noch glücklich darüber, eine so breite und vielseitige Ausbildung genossen zu haben.
Waren Sie schon immer gut in Mathematik oder gab es auch Phasen, in denen Sie keine Lust aufs Rechnen hatten?
Mathematik hat mich schon immer interessiert, aber natürlich gab es auch Phasen in meinem Leben, in denen die Mathematik nicht an erster Stelle der Interessen stand. Als Mathematikdidaktikerin betreibe ich ja nicht direkt mathematische Forschung, sondern ich forsche über das Lehren und Lernen von Mathematik. Daher empfinde ich es als großes Glück, hier in Berlin in einem Umfeld sehr reger mathematischer Forschung zu sein. Dadurch erlebe ich alle Phasen der Entstehung von neuer Mathematik mit. Diese Faszination versuche ich in den Mathematikunterricht weiterzutragen.
Was raten Sie Jugendlichen, die momentan vor der Berufswahl stehen? Wie entscheidend sind mathematische Kenntnisse im Berufsleben?
Mathematische Kenntnisse sind in allen Berufsbereichen hilfreich, darum entwickelt einer meiner Doktoranden einen Mathematik-Förderkurs für Hauptschüler, um deren Berufschancen zu erhöhen. Mathematik lehrt unter anderem auch, dass Einsatz, Beharrlichkeit und Anstrengung sich lohnen, dies hilft für alle Lebensbereiche. Insbesondere ist auch die Fähigkeit zu abstrahieren und Strukturen zu erkennen überall von Vorteil. Ein Mathematikstudium ist nach wie vor eine sehr sichere Angelegenheit. Unter studierten Mathematiker/innen gibt es praktisch keine Arbeitslosen.
Einer Ihrer Forschungsinteresse ist „authentischer Mathematikunterricht“. Was verstehen Sie darunter?
Dieser Unterricht soll in dreierlei Hinsicht authentisch sein: Er soll authentische, also in Wirtschaft und Forschung tatsächlich relevante Anwendungen von Mathematik zeigen, er soll mathematische Ideen, Methoden und Herangehensweisen in der Art und Weise vermitteln, wie sie auch tatsächlich in der Forschung vorkommen und er soll Schüler/innen eine sie tatsächlich interessierende und berührende Begegnung mit mathematikhalltigen Fragestellungen ermöglichen. Realisiert werden kann das durch einen forschenden Unterricht, der sich an aktuellen Themen orientiert.
In Ihrem neuen Buch laden Sie zu „Mathematik zum Mitmachen“ ein. Welches Konzept verbirgt sich hinter „Besser als Mathe!“ ?
Gemeinsam mit meinen beiden Mitherausgebern Katja Biermann und Prof. Martin Grötschel habe ich in diesem Buch die besten Aufgaben aus den mathematischen Adventskalendern (www.mathekalender.de) des Berliner DFG-Forschungszentrums MATHEON versammelt. Es sind Aufgaben, die direkt aus der aktuellen angewandten mathematischen Forschung stammen. In diesem Buch wird ein breites Spektrum dieser Anwendungen beschrieben und dann durch die Adventskalenderaufgaben vertieft. Selbstverständlich gibt es zu jeder Aufgabe eine ausführliche Lösung. Wie wir hörten, wird das Buch sehr gerne in Mittel- und Oberstufe verwendet, um dort zeigen zu können, was die Mathematik heute bewegt und dass es in diesem Fach, anders als landläufig oft gedacht wird, viele offene Forschungsfragen gibt.

